Wo liegt Zentraleuropa

 

Wo liegt Zentraleuropa?

 

Am einem der letzten schönen Sommertage flaniere ich mit einer Schweizer Freundin durch die Budapester Innenstadt. Zufällig kommen wir an der „Central Europaen University“ vorbei. Diese 1991 von George Soros gegründete internationale Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gehört heute zu den renommiertesten Universitäten der Welt. Unterrichtet wird in Englisch, die ausgewählten Studierenden erhalten von der Soros-Stiftung ein komfortables Stipendium. Warum aber heisst die Uni „Central Europe“, wo sie doch in Budapest steht? Gute Frage, denke ich, und wir gehen weiter in die berühmte Konditorei „Gerbeaud“, die hier übrigens vor genau 150 Jahren von einem Genfer eröffnet wurde.

Laut Wikipedia ist mit „Central Europe“ eigentlich Ostmitteleuropa gemeint, während die Länder von Westmitteleuropa zu „Western Europe“ gezählt werden. Erst nach dem Kalten Krieg kam dem Begriff „Central Europe“ wieder vermehrt Aufmerksamkeit zu. Für die vormals als osteuropäische Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes bezeichneten Länder soll der neue Begriff Identität stiftend sein. Bezeichnenderweise habe ich noch keinen Ungarn getroffen, dem das Wort über die Lippen gegangen wäre. Wahrscheinlich ist den Ungarn der Begriff noch genauso fremd wie uns. Also bleiben wir vorläufig bei Ost- und Westeuropa.

Bei meiner ersten Zugreise nach Ungarn in den frühen 80er Jahren hatte ich noch das Gefühl, sehr weit in den Osten zu fahren. Doch schon damals öffnete sich mein Herz, als sich nach Wien der Himmel weitete und das Land flach wurde. Der Grenzübertritt war noch zeitaufwändig und beinahe Furcht einflössend. Heute, nach dem Beitritt Ungarns zur EU, gibt es zwischen Hegyeshalom und Nickelsdorf nicht einmal mehr ein Zollamt. Mit meinem Mann, einem gebürtigen Ungar, der in der Schweiz aufgewachsen ist, fahre ich oft mit dem Auto von Zürich nach Budapest. Unsere Pässe werden nur noch in Au/Lustenau kontrolliert. Folgerichtig finge der Osten also bei der Schweizergrenze an und dürfte uns deshalb nicht mehr so fremd sein.

So habe ich es bei meiner Arbeit als Film Producer aber nicht erlebt. Ich war 15 Jahre lang beim Schweizer Fernsehen für internationale Koproduktionen zuständig, beispielsweise für den mehrfach preisgekrönten Film „Tulpan“ von Sergey Dvortsevoy. Während der langen Zeit entstanden zahlreiche europäische Spielfilmkoproduktionen mit Deutschland, Österreich, Belgien, Luxemburg, Frankreich und sogar mit Rumänien („Offset“ von Didi Danquart), jedoch keine einzige mit Ungarn! Obwohl unserer Redaktion spannende Drehbücher und interessante Projekte vorgelegt wurden, wie „Romacop“ von Gábor Dettre (der nun unter dem Titel „Tableau“ in die ungarischen Kinos kommt) oder „Pinprick“ von Daniel Young (der inzwischen auch abgedreht ist), schien sich ausser mir niemand für einen ungarischen Filmstoff zu interessieren. Empörend unverständlich bleibt mir die Absage für das Episodenfilmprojekt „1956 magyarsecondos“, initiiert von Barbara Kulcsar, in dem sich sieben jüngere Schweizer Filmemacher mit ungarischen Wurzeln Kurzgeschichten zum 50. Jubiläum des Ungarnaufstandes ausgedacht haben. Zwar erhielt das Projekt den Preis der Pro Helvetia für die beste Idee (!) zum Thema Integration, später floss aber kein einziger Franken zur Herstellung des Films, weder vom Schweizer Fernsehen noch vom Bundesamt für Kultur.

Dabei hat Ungarn das „Europäische Übereinkommen über die Gemeinschaftsproduktion von Kinofilmen“ bereit 1996 ratifiziert (die Schweiz 1992). Seit 2003 gibt es hier ein Filmfördergesetz, von dem die Schweizer Kollegen nur träumen können. (Ich erinnere an die nie endende Diskussion um den finanziellen Quantensprung für die Schweizer Filmförderung). Um die heimische Filmproduktion anzuregen, bietet der ungarische Staat Steuererleichterungen, die bei dem Produktionsbudget 20-25% ausmachen. So verzehnfachten sich die internationalen Aufträge auf über 120 Mio. Euro - innerhalb von vier Jahren! Auf Druck der EU wurde das Gesetz per 2. Juli 2008 so angepasst, dass nicht allzu viel Geld in US-Produktionen fliessen kann. Neuerdings muss der ungarische Bezug verstärkt werden, sprich: Das nationale Filmbüro bevorzugt Projekte von ungarischen Regisseuren, welche eine Bereicherung heimischen Filmkultur garantieren sollen. „Magyarsecondos“ hätte sogar dieses Kriterium erfüllt, sind doch viele der Autoren schweizerisch-ungarische Doppelbürger.

 

Als freie Produzentin mit grossem Interesse am kulturellen Spannungsfeld Ost-West habe ich mich dieses Jahr zum ersten Mal für das Internationale Filmfestival von Karlovy Vary in Tschechien akkreditiert. Unser Freund und Regisseur Gábor Dettre war dort mit seinem Film „Tableau“ in der Kategorie ‚East of the West’ nominiert. Den Hauptpreis musste er zwar dem Russen Sergey Dvortsevoy („Tulpan“) überlassen, aber die Teilnahme am Wettbewerb und an der eindrücklichen „Closing Ceremony“ im Thermalhotel war für uns alle schon Ehre genug. Der Empfang im traditionsreichen Luxushotel „PUPP“, mit seinem gastronomischen (Berge von Sushi) und kulturellen Angebot (eine kubanische Salsaband im prunkvollen Konzertsaal) übertraf alles, was ich an Festivalpartys schon erlebt habe. Als (noch) unbekannte Filmproduzentin fühlte ich mich so respektvoll empfangen wie nie zuvor. Ganz anders, als ich einen Monat später nach Locarno reiste. Ebenfalls als Filmproduzentin akkreditiert, aber nach 15 Jahren Tätigkeit beim Schweizer Fernsehen wohl nicht als Unbekannte, erhielt ich weder den begehrten „roten Punkt“  keinen Katalog, und keinen Eintrag in den Industry Guide. Ich fühlte mich am heimischen Festival schlicht als Nobody. Wahrscheinlich hat dieses persönliche Erlebnis weniger mit Ost und West zu tun als vielmehr mit der schweizerischen Vorstellung, man sei sowieso immer die Nummer Eins in der Welt.

 

Woran liegt es, dass die filmische Zusammenarbeit zwischen Ost und West so schwierig ist? Wie könnte man die (gegenseitigen) Vorurteile beseitigen. Warum haben so viele Schweizer beim Stichwort Ungarn immer noch den „Ostblock“ im Kopf? Was kann man dagegen tun?

 

Ich wünsche mir, dass sich der Begriff „Central Europe“ einbürgert - und zwar bei allen Mitteleuropäern.

 

Susann Wach

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