Wie viel Luxus braucht der Mensch?

 

Medienkolumne

 

Wie viel Luxus braucht der Mensch ?

Oder: Für wen werden Zeitungen gemacht.

 

Ich gebe es zu: Lange habe ich mich um das Schreiben dieser Kolumne gedrückt. Wer will schon wieder ein Gejammer über „die Medien“ hören. Wir wissen ja alle, dass „Medien“ heutzutage nur zum Geld verdienen gemacht werden. Da stellt sich die Frage: War das „Früher“ anders? Aber darüber später mehr.

Allerdings frage ich mich manchmal schon, mit welcher Leserschaft denn die Medien ihr Geld machen wollen. Man müsste denken, mit der Mehrheit der Bevölkerung. Nun gehört aber die Mehrheit der Bevölkerung, so viel ich weiss, nicht zu den „oberen Zehntausend“ sonst wäre die Bevölkerung ja sehr klein. Weshalb also, so frage ich mich,  schreiben denn „die Medien“ mehrheitlich für eine Minderheit? Dabei denke ich nicht unbedingt und ausschliesslich an die NZZ, die steht ja wenigstens dazu, dass sie freisinnig, dem Kapital verpflichtet ergo rechts steht. Nein ich spreche auch von den liberalen, „unabhängigen“ und sogar „öffentlich-rechtlichen“ Medien. Beispiel: Ist etwa das „öffentlich-rechtliche“ also Gebührenfinanzierte,  DRS drüü Volksverblödungs-Radio weniger volksverblödend als das kommerzielle Radio 24?

 

Also, um den Exkurs etwas abzukürzen: Mit wem will tamedia (Tages-Anzeiger, Sonntags-Zeitung etc.) Geld verdienen, wenn in der interessanten Rubrik „Neue Autos“ ständig Wagen vorgestellt werden, die ausser dem Journalisten, der den Wagen testen durfte, höchstens ein paar am Tüüfel abem Charre gheiti Vollidioten voll-geil finden, die es nicht nur haben sondern auch bereit sind drei oder so Jahresgehälter eines „Durchschnittsbürgers“ (oder etwa zehn Jahresbezüge eines IV- Rentners ) für einen „Boliden“ auszugeben?

 

Oder, wozu soll es gut sein, wenn in einem Tagi-Spezial „Luxus-Reisen“ vorgestellt werden, die „für die grosse Mehrheit ebenso unerreichbar wie unbezahlbar“ (Originalzitat aus der Beilage) sind? Können Reiche kein Reisebüro aufsuchen und brauchen deshalb auf  12 teuren Zeitungsseiten Reisetipps? Oder wird die Beilage nur produziert, um noch teurere Inserate verkaufen zu können? Wobei natürlich kaum mehr unterschieden werden kann, was Werbung und was redaktionelle Eigenleistung ist. Angeboten werden übrigens Ferien von „Sardinien Luxus pur“ für ab 4750 Franken/Person und Woche bis zur „Megajacht im Reich der (nein nicht der Sinne) der Superlative“ für ab 500 000 Franken/Woche. (Kein Tippfehler)

Noch ein Beispiel gefällig? In der Rubrik „Leben“ (ja, auch im Tages-Anzeiger) wird mir als Mann echte Lebenshilfe geboten, denn ich weiss jetzt, dass, „Die Männer das Kleiderkaufen entdecken“ und, damit ich eine Ahnung habe, was mir das Wert sein sollte, erfahre ich, dass „der 36-jährige Zürcher G.S., Investmentberater, pro Jahr 20 000 Franken für Kleider“ ausgibt und zwar „mit Leidenschaft“ (nein, nicht Leiden schafft).

 

So, und wem dies noch nicht reicht, für den legen wir jetzt noch einen Zacken zu. In der „NZZ am Sonntag“ (endlich) darf ich mir für meine Liebste ein Schmuckstückli zum Geburri aussuchen. Die „Starken Einzelgänger“ (hä?) die da vorgestellt werden kosten so zwischen 50000 Franken für einen „Diamant-Solitär“ und 160 000 Franken für den „Princess-Cut-Solitär“.

Aber so richtig gruselig wird es erst, wenn man weiter blättert: Da entdecke ich doch unter dem Sammelbegriff „Mode“ endlich eine richtig schöne Fotostrecke!

„Je grösser, je besser“ gemeint ist damit nicht – nein, pfui, gemeint sind damit Sonnenbrillen wie wir sie brauchen. Die durchwegs schönen Models, die die Brillen tragen, sind nämlich gar keine richtigen Models, sondern – endlich – Menschen wie Du und ich. Also nicht ganz. Wir erfahren nämlich, dass „Dunkle Sonnenbrillen in Übergrösse gar aus Slumbewohnern in Brasilien Alltagsdiven mit starker Ausstrahlung“ machen. Wie bitte? Hab ich richtig gelesen? Ja, das Team der NZZ am Sonntag „ist weit geflogen“ nämlich in die Favelas um dem Baby und der greisen Grossmutter ein paar  Brillen zu verpassen und sie (Brille und Oma) mit dem malerischen Hintergrund der Armut ablichten zu können. Als Honorar durften die Favela-Models vermutlich die Brillen behalten – immerhin in der Preisklasse von 400 Franken.

 

 

 

 

Weitere Themen meiner künftigen Medienkolumnen:

Ist die WoZ chotz?

Tausche ich mein Tagi-Abo gegen ein antidot-Abo ein?

Ist Lora besser als DRS drüü?

Ist antidot gut weil es fast Niemand liest?

Ist SF eine Fernsehanstalt?

Was hat die NZZ mit meiner Tante zu tun?

Sind Chefredaktoren Linke?

Brauchen Journalisten mehr Lohn oder gar keine Gewerkschaft?

Medien als Geldmaschinen?

Ist Raubkopieren cool?

Schadet Fernsehen den Augen?

Ist Werbung Scheisse?

 

Weitere Anregungen nehme ich mehr oder weniger gerne entgegen.

 

 

Klaus Rózsa

Ist Fotograf und Publizist und war etliche Jahre Präsident der Journalisten in der Mediengewerkschaft comedia.

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Kommentare: 1
  • #1

    Malý (Samstag, 14 Juli 2012 22:10)

    Many thanks for data